AI Act Pflichten für KMUs – Die praktische Checkliste
Ab August 2026 Pflicht: 7 AI-Act-Anforderungen, die jedes KMU erfüllen muss. Konkrete Checkliste mit Praxis-Tipps – ohne Juristendeutsch.
Ab dem 2. August 2026 gilt der EU AI Act vollständig. Für kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) bedeutet das: Wer Künstliche Intelligenz nutzt – und das tun mittlerweile die meisten – muss bestimmte Pflichten erfüllen. Sonst drohen Bußgelder von bis zu 35 Millionen Euro oder 7 % des weltweiten Jahresumsatzes.
Klingt dramatisch? Ist es auch. Aber die gute Nachricht: Für die meisten KMUs sind die Anforderungen überschaubar – wenn man weiß, was zu tun ist.
Betrifft mich der AI Act überhaupt?
Kurze Antwort: Ja, sehr wahrscheinlich.
Der AI Act gilt für jedes Unternehmen, das in der EU KI-Systeme einsetzt (als “Betreiber”) oder entwickelt (als “Anbieter”). Und “KI-Systeme” ist weit gefasst.
Nutzen Sie eines der folgenden Tools? Dann sind Sie betroffen:
- ChatGPT, Claude, Gemini für Texterstellung oder Kundenservice
- Microsoft Copilot in Office oder Windows
- DeepL für Übersetzungen
- Midjourney, DALL-E für Bildgenerierung
- HubSpot, Salesforce mit KI-gestütztem Lead-Scoring
- Recruiting-Software mit automatischer Bewerbervorauswahl
- Buchhaltungssoftware mit KI-gestützter Belegerfassung
Die Liste ist lang. Der AI Act unterscheidet nicht nach Unternehmensgröße – er unterscheidet nach Risiko.
Die 4 Risikoklassen – wo steht Ihr KI-Einsatz?
Der AI Act teilt KI-Systeme in vier Risikoklassen ein:
1. Verbotene KI-Praktiken
Bestimmte KI-Anwendungen sind ab Februar 2025 komplett verboten. Dazu gehören Social Scoring, manipulative Systeme und biometrische Echtzeit-Überwachung in öffentlichen Räumen. Für die meisten KMUs irrelevant, aber wichtig zu kennen.
2. Hochrisiko-KI
Hier wird es für einige KMUs relevant: KI-Systeme in den Bereichen Personalwesen (Bewerberauswahl, Leistungsbewertung), Kreditwürdigkeit, Versicherungsprämien, Bildung oder kritische Infrastruktur gelten als Hochrisiko. Die Pflichten sind umfangreich: Risikomanagement, technische Dokumentation, menschliche Aufsicht, Registrierung.
3. KI mit begrenztem Risiko (Limited Risk)
Hierunter fallen Chatbots, KI-generierte Texte und Bilder. Die häufigste Kategorie für KMUs. Hauptpflicht: Transparenz – Sie müssen offenlegen, dass KI im Spiel ist.
4. Minimales Risiko
Spam-Filter, Rechtschreibprüfung, einfache Empfehlungssysteme. Keine besonderen Pflichten – aber ein KI-Inventar schadet trotzdem nicht.
Die 7 Pflichten, die jedes KMU kennen muss
1. KI-Inventar erstellen
Was: Dokumentieren Sie alle KI-Systeme, die in Ihrem Unternehmen eingesetzt werden.
Praxis-Tipp: Gehen Sie systematisch vor – IT, Marketing, HR, Vertrieb, Buchhaltung. Fragen Sie in jeder Abteilung: “Welche Tools nutzt ihr, die irgendwas automatisch entscheiden, erstellen oder analysieren?”
Sie werden überrascht sein, wie viele KI-Tools bereits im Einsatz sind.
2. Risikoklassifizierung durchführen
Was: Ordnen Sie jedes KI-System einer der vier Risikoklassen zu.
Praxis-Tipp: Für die meisten Office-KI-Tools (ChatGPT, Copilot, DeepL) landen Sie bei “begrenztes Risiko” oder “minimales Risiko”. Kritisch wird es bei HR-Tools und allem, was automatisierte Entscheidungen über Menschen trifft.
3. Transparenzpflichten umsetzen
Was: Wenn KI Inhalte erzeugt oder mit Menschen interagiert, muss das kenntlich gemacht werden.
Konkret:
- Chatbot auf der Website? → Muss als KI erkennbar sein
- KI-generierte Texte im Marketing? → Kennzeichnen (zumindest intern dokumentieren)
- Automatisierte E-Mail-Antworten? → Empfänger informieren
4. Schulung & KI-Kompetenz (Art. 4)
Was: Alle Mitarbeiter, die mit KI arbeiten, müssen ein “ausreichendes Maß an KI-Kompetenz” haben.
Praxis-Tipp: Keine formelle Zertifizierung nötig – aber dokumentierte Schulungen. Ein halbtägiger Workshop pro Jahr kann reichen. Wichtig: Dokumentieren, dass die Schulung stattgefunden hat.
5. Technische Dokumentation (nur Hochrisiko)
Was: Anbieter von Hochrisiko-KI müssen umfangreiche technische Dokumentation vorhalten.
Für KMU-Betreiber: Sie müssen nicht selbst dokumentieren, wie ChatGPT funktioniert – das ist OpenAIs Job. Aber Sie müssen dokumentieren, wie und wofür Sie es einsetzen.
6. Menschliche Aufsicht (nur Hochrisiko)
Was: Bei Hochrisiko-Systemen muss immer ein Mensch die Möglichkeit haben, einzugreifen.
Praxis-Tipp: Kein KI-System darf im Hochrisiko-Bereich vollautomatisch finale Entscheidungen treffen. Bewerber-Screening per KI? Okay – aber ein Mensch muss die Endentscheidung treffen und dokumentieren.
7. Überwachung & Meldepflichten (nur Hochrisiko)
Was: Betreiber von Hochrisiko-KI müssen Vorfälle dokumentieren und bei schwerwiegenden Vorfällen die Behörden informieren.
Erleichterungen für KMUs
Der AI Act ist nicht blind für die Realität kleiner Unternehmen. Mehrere Artikel sehen explizit Erleichterungen vor:
- Sandbox-Zugang (Art. 57): Regulatorische Sandboxen müssen KMUs bevorzugt berücksichtigen
- Tests unter Realbedingungen (Art. 62): Erleichterte Bedingungen und reduzierte Gebühren für KMUs
- Bußgeld-Bemessung (Art. 99 Abs. 5): Unternehmensgröße und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit werden bei Bußgeldern berücksichtigt
- Unterstützungspflicht: Nationale Behörden müssen KMUs Beratung und Unterstützung anbieten (Erwägungsgründe 144–145)
Aber: Die Erleichterungen gelten nur für die Dokumentation – nicht für die Substanz. Ein Hochrisiko-System bleibt Hochrisiko, egal wie klein das Unternehmen ist.
Was passiert, wenn ich nichts tue?
Drei Szenarien:
-
Best Case: Nichts. Viele KMUs werden anfangs nicht kontrolliert – die Behörden konzentrieren sich auf Großunternehmen und offensichtliche Verstöße.
-
Realistischer Case: Ein Kunde, Geschäftspartner oder Auftraggeber fragt nach Ihrer AI-Act-Compliance. Ohne Dokumentation stehen Sie schlecht da – besonders bei öffentlichen Ausschreibungen oder Großkunden mit eigener Compliance-Abteilung.
-
Worst Case: Beschwerde, Prüfung, Bußgeld. Bei verbotenen Praktiken bis zu 35 Mio. €, bei Hochrisiko-Verstößen bis zu 15 Mio. €, bei Dokumentationsmängeln bis zu 7,5 Mio. € – jeweils bis zu 7%, 3% oder 1,5% des Jahresumsatzes.
Ihr 5-Schritte-Plan für die nächsten 4 Monate
Der AI Act gilt ab August 2026. Das klingt weit weg – aber Compliance aufzubauen braucht Zeit. Unser Vorschlag:
Monat 1: Bestandsaufnahme → KI-Inventar erstellen. Jedes Tool erfassen. Risikoklasse vorläufig einordnen.
Monat 2: Bewertung → Risikoklassifizierung finalisieren. Handlungsbedarf pro System identifizieren.
Monat 3: Umsetzung → Transparenzhinweise einbauen. Schulungen planen. Dokumentation starten.
Monat 4: Prüfung → Alles gegenchecken. Lücken schließen. Prozess für laufende Überwachung etablieren.
Fazit
Der AI Act ist kein Grund zur Panik – aber ein Grund zum Handeln. Die meisten KMUs kommen mit überschaubarem Aufwand durch, wenn sie jetzt anfangen. Wer wartet, riskiert nicht nur Bußgelder, sondern auch einen Wettbewerbsnachteil: Kunden und Partner werden AI-Act-Compliance zunehmend als Hygienefaktor betrachten.
Der erste Schritt? Wissen, welche KI-Systeme Sie einsetzen und in welche Risikoklasse sie fallen.
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