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AI Act Pflichten für KMUs – Die praktische Checkliste

Transparenzpflichten ab August 2026, Hochrisiko ab Dezember 2027: 7 AI-Act-Anforderungen für KMUs. Checkliste mit Praxis-Tipps – aktualisiert nach Digital Omnibus (Mai 2026).

eu-konform.ai · · 8 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 30. Mai 2026

Update Mai 2026 – Digital Omnibus on AI: Durch den Digital Omnibus wurden die Hochrisiko-Fristen auf Dezember 2027 (Annex III) bzw. August 2028 (Annex I) verschoben. Die Transparenzpflichten (Art. 50) bleiben beim 2. August 2026. Art. 4 (KI-Kompetenz) ist jetzt eine Empfehlung statt Pflicht. Die KMU-Erleichterungen wurden auf Small Mid-Caps erweitert.

Der EU AI Act gilt stufenweise: Transparenzpflichten ab August 2026, Hochrisiko-Pflichten ab Dezember 2027. Für kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) und Small Mid-Caps (bis 750 Mitarbeiter / 150 Mio. EUR Umsatz) bedeutet das: Wer Künstliche Intelligenz nutzt – und das tun mittlerweile die meisten – muss bestimmte Pflichten erfüllen. Sonst drohen Bußgelder von bis zu 35 Millionen Euro oder 7 % des weltweiten Jahresumsatzes.

Klingt dramatisch? Ist es auch. Aber die gute Nachricht: Durch den Digital Omnibus haben Sie für die Hochrisiko-Compliance deutlich mehr Zeit. Und für die meisten KMUs sind die Anforderungen überschaubar – wenn man weiß, was zu tun ist.

Betrifft mich der AI Act überhaupt?

Kurze Antwort: Ja, sehr wahrscheinlich.

Der AI Act gilt für jedes Unternehmen, das in der EU KI-Systeme einsetzt (als „Betreiber“) oder entwickelt (als „Anbieter“). Und „KI-Systeme“ ist weit gefasst.

Nutzen Sie eines der folgenden Tools? Dann sind Sie betroffen:

  • ChatGPT, Claude, Gemini für Texterstellung oder Kundenservice
  • Microsoft Copilot in Office oder Windows
  • DeepL für Übersetzungen
  • Midjourney, DALL-E für Bildgenerierung
  • HubSpot, Salesforce mit KI-gestütztem Lead-Scoring
  • Recruiting-Software mit automatischer Bewerbervorauswahl
  • Buchhaltungssoftware mit KI-gestützter Belegerfassung

Die Liste ist lang. Der AI Act unterscheidet nicht nach Unternehmensgröße – er unterscheidet nach Risiko.

Die 4 Risikoklassen – wo steht Ihr KI-Einsatz?

Der AI Act teilt KI-Systeme in vier Risikoklassen ein:

1. Verbotene KI-Praktiken

Bestimmte KI-Anwendungen sind ab Februar 2025 komplett verboten. Dazu gehören Social Scoring, manipulative Systeme und biometrische Echtzeit-Überwachung in öffentlichen Räumen. Für die meisten KMUs irrelevant, aber wichtig zu kennen.

2. Hochrisiko-KI

Hier wird es für einige KMUs relevant: KI-Systeme in den Bereichen Personalwesen (Bewerberauswahl, Leistungsbewertung), Kreditwürdigkeit, Versicherungsprämien, Bildung oder kritische Infrastruktur gelten als Hochrisiko. Die Pflichten sind umfangreich: Risikomanagement, technische Dokumentation, menschliche Aufsicht, Registrierung.

3. KI mit begrenztem Risiko (Limited Risk)

Hierunter fallen Chatbots, KI-generierte Texte und Bilder. Die häufigste Kategorie für KMUs. Hauptpflicht: Transparenz – Sie müssen offenlegen, dass KI im Spiel ist.

4. Minimales Risiko

Spam-Filter, Rechtschreibprüfung, einfache Empfehlungssysteme. Keine besonderen Pflichten – aber ein KI-Inventar schadet trotzdem nicht.

Die 7 Pflichten, die jedes KMU kennen muss

1. KI-Inventar erstellen

Was: Dokumentieren Sie alle KI-Systeme, die in Ihrem Unternehmen eingesetzt werden.

Praxis-Tipp: Gehen Sie systematisch vor – IT, Marketing, HR, Vertrieb, Buchhaltung. Fragen Sie in jeder Abteilung: „Welche Tools nutzt ihr, die irgendwas automatisch entscheiden, erstellen oder analysieren?“

Sie werden überrascht sein, wie viele KI-Tools bereits im Einsatz sind.

2. Risikoklassifizierung durchführen

Was: Ordnen Sie jedes KI-System einer der vier Risikoklassen zu.

Praxis-Tipp: Für die meisten Office-KI-Tools (ChatGPT, Copilot, DeepL) landen Sie bei „begrenztes Risiko“ oder „minimales Risiko“. Kritisch wird es bei HR-Tools und allem, was automatisierte Entscheidungen über Menschen trifft.

3. Transparenzpflichten umsetzen

Was: Wenn KI Inhalte erzeugt oder mit Menschen interagiert, muss das kenntlich gemacht werden.

Konkret:

  • Chatbot auf der Website? → Muss als KI erkennbar sein
  • KI-generierte Texte im Marketing? → Kennzeichnen (zumindest intern dokumentieren)
  • Automatisierte E-Mail-Antworten? → Empfänger informieren

4. KI-Kompetenz (Art. 4) – Empfehlung statt Pflicht

Was: Art. 4 empfiehlt, dass Mitarbeiter, die mit KI arbeiten, ein „ausreichendes Maß an KI-Kompetenz“ haben. Durch den Digital Omnibus (Mai 2026) wurde Art. 4 von einer durchsetzbaren Pflicht zu einer Empfehlung herabgestuft – Bußgelder entfallen.

Praxis-Tipp: Auch ohne Bußgeldrisiko sind Schulungen sinnvoll: Sie reduzieren Haftungsrisiken, sind bei Hochrisiko-Compliance (ab Dez. 2027) relevant und schaffen Klarheit im Team. Ein halbtägiger Workshop pro Jahr reicht. Wichtig: Dokumentieren, dass die Schulung stattgefunden hat.

5. Technische Dokumentation (nur Hochrisiko)

Was: Anbieter von Hochrisiko-KI müssen umfangreiche technische Dokumentation vorhalten.

Für KMU-Betreiber: Sie müssen nicht selbst dokumentieren, wie ChatGPT funktioniert – das ist OpenAIs Job. Aber Sie müssen dokumentieren, wie und wofür Sie es einsetzen.

6. Menschliche Aufsicht (nur Hochrisiko)

Was: Bei Hochrisiko-Systemen muss immer ein Mensch die Möglichkeit haben, einzugreifen.

Praxis-Tipp: Kein KI-System darf im Hochrisiko-Bereich vollautomatisch finale Entscheidungen treffen. Bewerber-Screening per KI? Okay – aber ein Mensch muss die Endentscheidung treffen und dokumentieren.

7. Überwachung & Meldepflichten (nur Hochrisiko)

Was: Betreiber von Hochrisiko-KI müssen Vorfälle dokumentieren und bei schwerwiegenden Vorfällen die Behörden informieren.

Erleichterungen für KMUs

Der AI Act ist nicht blind für die Realität kleiner Unternehmen. Mehrere Artikel sehen explizit Erleichterungen vor:

  • Sandbox-Zugang (Art. 57): Regulatorische Sandboxen müssen KMUs bevorzugt berücksichtigen
  • Tests unter Realbedingungen (Art. 62): Erleichterte Bedingungen und reduzierte Gebühren für KMUs
  • Bußgeld-Bemessung (Art. 99 Abs. 5): Unternehmensgröße und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit werden bei Bußgeldern berücksichtigt
  • Unterstützungspflicht: Nationale Behörden müssen KMUs Beratung und Unterstützung anbieten (Erwägungsgründe 144–145)
  • Vereinfachte Dokumentation: Durch den Digital Omnibus auch für Small Mid-Caps (bis 750 Mitarbeiter / 150 Mio. EUR Umsatz) – nicht mehr nur für KMUs
  • Vereinfachte Grundrechte-Folgenabschätzung: Weniger bürokratischer Aufwand für kleinere Unternehmen

Aber: Die Erleichterungen gelten nur für die Dokumentation – nicht für die Substanz. Ein Hochrisiko-System bleibt Hochrisiko, egal wie klein das Unternehmen ist.

Was passiert, wenn ich nichts tue?

Drei Szenarien:

  1. Best Case: Nichts. Viele KMUs werden anfangs nicht kontrolliert – die Behörden konzentrieren sich auf Großunternehmen und offensichtliche Verstöße.

  2. Realistischer Case: Ein Kunde, Geschäftspartner oder Auftraggeber fragt nach Ihrer AI-Act-Compliance. Ohne Dokumentation stehen Sie schlecht da – besonders bei öffentlichen Ausschreibungen oder Großkunden mit eigener Compliance-Abteilung.

  3. Worst Case: Beschwerde, Prüfung, Bußgeld. Bei verbotenen Praktiken bis zu 35 Mio. €, bei Hochrisiko-Verstößen bis zu 15 Mio. €, bei Dokumentationsmängeln bis zu 7,5 Mio. € – jeweils bis zu 7%, 3% oder 1,5% des Jahresumsatzes.

Ihr Aktionsplan: Zwei Phasen

Phase 1: Transparenz bis August 2026 (dringend)

Jetzt (Juni–Juli 2026): → KI-Inventar erstellen. Jedes Tool erfassen. Risikoklasse vorläufig einordnen. → Transparenzhinweise einbauen: Chatbots kennzeichnen, KI-generierte Inhalte markieren. → Meldeprozesse für schwerwiegende Vorfälle einrichten.

Phase 2: Hochrisiko-Compliance bis Dezember 2027

Durch den Digital Omnibus haben Sie für die Hochrisiko-Pflichten deutlich mehr Zeit. Nutzen Sie sie sinnvoll:

→ Risikoklassifizierung finalisieren. Handlungsbedarf pro System identifizieren. → KI-Schulungen durchführen (Best Practice, relevant für Hochrisiko-Aufsicht). → Bei Hochrisiko: Risikomanagement-System aufbauen, technische Dokumentation erstellen, EU-Datenbank-Registrierung vorbereiten.

Phase eins dieses Plans, Inventar und Einstufung, ist der Teil, an dem die meisten hängenbleiben. In vier Schritten zur Dokumentation führt genau dort entlang.

Fazit

Der AI Act ist kein Grund zur Panik – aber ein Grund zum Handeln. Die meisten KMUs kommen mit überschaubarem Aufwand durch, wenn sie jetzt anfangen. Wer wartet, riskiert nicht nur Bußgelder, sondern auch einen Wettbewerbsnachteil: Kunden und Partner werden AI-Act-Compliance zunehmend als Hygienefaktor betrachten.

Der erste Schritt? Wissen, welche KI-Systeme Sie einsetzen und in welche Risikoklasse sie fallen.

Vom Lesen zum Nachweis

Der KI-Kompass führt Sie durch Inventar, Risikoklasse und Dokumentation. Der erste Check ist kostenlos und braucht keine Registrierung.