KI-Inventar erstellen – Schritt-für-Schritt-Anleitung
Erster Schritt zur AI-Act-Compliance: das KI-Inventar. Schritt-für-Schritt-Anleitung mit kostenloser Vorlage – so erfassen Sie alle KI-Systeme systematisch.
Sie wissen, dass der AI Act ab August 2026 gilt. Sie wissen, dass Sie Pflichten haben. Aber womit anfangen?
Mit dem KI-Inventar. Es ist der erste und wichtigste Schritt zur AI-Act-Compliance – und gleichzeitig der, den die meisten Unternehmen vor sich herschieben.
Das Problem: Die wenigsten wissen, wie viele KI-Systeme sie tatsächlich nutzen. In unserer Erfahrung unterschätzen Unternehmen die Zahl um den Faktor 3 bis 5. Der Praktikant nutzt ChatGPT für Social-Media-Texte, die Buchhaltung hat ein KI-gestütztes Belegerkennungstool, und im CRM läuft längst ein KI-basiertes Lead-Scoring – nur weiß die Geschäftsführung davon nichts.
Warum ist das KI-Inventar Pflicht?
Der AI Act verlangt von jedem Unternehmen, das KI einsetzt, eine systematische Übersicht aller eingesetzten KI-Systeme. Ohne Inventar können Sie weder die Risikoklasse bestimmen noch Dokumentationspflichten erfüllen – geschweige denn nachweisen, dass Sie compliant sind.
Konkret verlangt der AI Act von Betreibern (Art. 26):
- Wissen, welche KI-Systeme im Einsatz sind
- Deren Risikoklasse kennen
- Die vorgesehene Zweckbestimmung einhalten
- Menschliche Aufsicht sicherstellen
All das beginnt mit einem vollständigen Inventar.
Die 6 Schritte zum KI-Inventar
Schritt 1: Abteilungen systematisch befragen
Gehen Sie jede Abteilung einzeln durch. Nicht per Rundmail (“Hat jemand KI im Einsatz?”), sondern mit gezielten Fragen:
- Welche Software-Tools nutzt ihr täglich?
- Gibt es Tools, die automatisch Texte, Bilder oder Vorschläge erstellen?
- Werden Daten automatisch analysiert, kategorisiert oder bewertet?
- Nutzt jemand ChatGPT, Copilot, Claude oder ähnliche Assistenten?
- Gibt es automatisierte Entscheidungsprozesse (z. B. Bewerber-Screening, Bonitätsprüfung)?
Typische Fundorte:
| Abteilung | Häufige KI-Tools |
|---|---|
| Marketing | ChatGPT, Midjourney, Canva AI, HubSpot KI-Features |
| Vertrieb | CRM mit Lead-Scoring, Chatbots, E-Mail-Automatisierung |
| HR | Bewerber-Screening, CV-Parsing, Interview-Analyse |
| IT | GitHub Copilot, KI-gestützte Monitoring-Tools |
| Buchhaltung | Belegerfassung, automatische Kontierung |
| Kundenservice | Chatbots, automatische Ticket-Klassifizierung |
| Geschäftsführung | KI-gestützte Dashboards, Prognose-Tools |
Schritt 2: Schatten-KI aufspüren
Schatten-KI ist das KI-Äquivalent zu Schatten-IT: Tools, die Mitarbeiter eigenständig nutzen, ohne dass die IT oder Geschäftsführung davon weiß.
Das betrifft vor allem:
- Browser-Extensions mit KI-Funktionen (Grammarly, DeepL, Zusammenfassungs-Tools)
- Kostenlose Accounts bei ChatGPT, Claude, Gemini
- KI-Features in bestehender Software, die per Update aktiviert wurden (Microsoft 365 Copilot, Adobe Firefly in Creative Cloud)
Praxis-Tipp: Fragen Sie nicht “Nutzt du KI?”, sondern “Nutzt du Tools, die automatisch Texte schreiben, Bilder erstellen oder Daten analysieren?” – viele Mitarbeiter denken bei “KI” nur an Roboter, nicht an ihr tägliches ChatGPT.
Schritt 3: Pro System die Kerndaten erfassen
Für jedes identifizierte KI-System dokumentieren Sie:
- Name und Anbieter – z. B. “ChatGPT (OpenAI)”
- Kategorie – Textgenerierung, Bildgenerierung, Analyse, Automatisierung, etc.
- Einsatzzweck – Wofür wird es konkret genutzt?
- Abteilung – Wer nutzt es?
- Betroffene Personen – Mitarbeiter, Kunden, Bewerber?
- Entscheidungsautonomie – Unterstützt es nur oder entscheidet es selbständig?
- Sitz des Anbieters – EU oder Nicht-EU?
- Server-Standort – Wo werden Daten verarbeitet?
Schritt 4: Risikoklasse zuordnen
Basierend auf den erfassten Daten ordnen Sie jedes System einer der vier AI-Act-Risikoklassen zu:
- Verboten – Social Scoring, manipulative Systeme → sofort abschalten
- Hochrisiko – HR-Entscheidungen, Kreditwürdigkeit, Versicherung, Bildung, kritische Infrastruktur → umfangreiche Pflichten
- Begrenztes Risiko – Chatbots, KI-generierte Inhalte → Transparenzpflicht
- Minimales Risiko – Spam-Filter, Rechtschreibprüfung → keine besonderen Pflichten
Im Zweifel höher klassifizieren. Lieber ein System als “begrenztes Risiko” einstufen, das eigentlich minimal ist, als umgekehrt.
Schritt 5: Verantwortlichkeiten festlegen
Für jedes KI-System brauchen Sie eine verantwortliche Person:
- Wer entscheidet über den Einsatz?
- Wer überwacht die Nutzung?
- Wer ist Ansprechpartner bei Vorfällen?
- Wer stellt sicher, dass die menschliche Aufsicht funktioniert?
Das muss kein Vollzeitjob sein – aber es muss klar sein, wer zuständig ist.
Schritt 6: Regelmäßig aktualisieren
Ein KI-Inventar ist kein einmaliges Projekt. Neue Tools kommen dazu, alte werden abgeschafft, Einsatzzwecke ändern sich. Planen Sie mindestens einen vierteljährlichen Review ein.
Trigger für Ad-hoc-Updates:
- Neues Software-Tool eingeführt
- Bestehendes Tool bekommt KI-Features per Update
- Einsatzzweck eines Tools ändert sich
- Neue Abteilung beginnt KI zu nutzen
Häufige Fehler beim KI-Inventar
1. Nur “offensichtliche” KI erfassen ChatGPT ist klar. Aber die KI-gestützte Autokorrektur in der E-Mail-Software? Das automatische Tagging in der Foto-Verwaltung? Die Betrugserkennung im Payment-System? KI ist oft unsichtbar – genau deshalb brauchen Sie den systematischen Ansatz.
2. Eingebettete KI-Features übersehen Microsoft 365, Google Workspace, Salesforce, SAP – alle großen Plattformen bauen zunehmend KI ein. Diese Features sind oft per Default aktiviert und werden von Mitarbeitern genutzt, ohne dass es bewusst als “KI-Nutzung” wahrgenommen wird.
3. Das Inventar einmal erstellen und vergessen KI-Landschaften ändern sich schnell. Ein Inventar vom April ist im Oktober veraltet. Ohne regelmäßige Updates wird es zur Compliance-Falle statt zum Compliance-Instrument.
4. Keine Verantwortlichkeiten definieren Ein Inventar ohne Verantwortliche ist eine Tabelle – kein Compliance-Instrument. Jemand muss dafür geradestehen, dass die Einträge aktuell und korrekt sind.
Was gehört NICHT ins KI-Inventar?
Nicht jede Software mit ein bisschen Automatisierung ist ein KI-System im Sinne des AI Acts. Der AI Act definiert KI-Systeme als maschinenbasierte Systeme, die mit unterschiedlichem Grad an Autonomie Ergebnisse wie Vorhersagen, Empfehlungen oder Entscheidungen erzeugen.
Nicht erfasst werden müssen:
- Einfache regelbasierte Systeme (If-Then-Logik)
- Klassische Datenbanken und Suchfunktionen
- Statische Automatisierungen (Makros, Skripte)
Im Graubereich: Wenn Sie unsicher sind, ob ein Tool ein KI-System ist – nehmen Sie es auf. Ein Eintrag zu viel im Inventar schadet nicht. Ein fehlender Eintrag schon.
Fazit
Das KI-Inventar ist kein bürokratischer Selbstzweck – es ist das Fundament Ihrer AI-Act-Compliance. Ohne zu wissen, welche KI-Systeme im Unternehmen laufen, können Sie weder Risiken bewerten noch Pflichten erfüllen.
Der Aufwand? Für ein typisches KMU: 1–2 Tage für die initiale Erfassung, danach 2–3 Stunden pro Quartal für Updates.
Der Nutzen? Rechtskonformität, Überblick und – ganz nebenbei – ein besseres Verständnis dafür, wie KI in Ihrem Unternehmen tatsächlich eingesetzt wird.
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