eu-konform.ai
← Alle Artikel | AI Act

Die 4 KI-Risikoklassen des AI Acts – Vergleich mit Praxisbeispielen

Verboten, Hochrisiko, Limited Risk oder Minimal? Die 4 Risikoklassen des AI Acts im Vergleich – mit konkreten Beispielen aus dem Unternehmensalltag.

eu-konform.ai Redaktion · · 8 Min. Lesezeit

Der EU AI Act teilt KI-Systeme in vier Risikoklassen ein. Von dieser Einteilung hängt alles ab: welche Pflichten Sie haben, wie viel Dokumentation nötig ist und ob Sie das System überhaupt einsetzen dürfen.

Das Problem: Die Grenzen sind nicht immer offensichtlich. Derselbe KI-Dienst kann je nach Einsatzzweck in unterschiedliche Klassen fallen. Dieser Artikel macht die Unterschiede greifbar.

Die vier Risikoklassen im Überblick

KlassePflichtenBeispiele
Verboten (Art. 5)Einsatz untersagtSocial Scoring, manipulative KI
Hochrisiko (Art. 6 + Annex III)Umfangreiche PflichtenRecruiting-KI, Kreditwürdigkeit
Limited Risk (Art. 50)TransparenzpflichtenChatbots, Deepfakes, KI-Texte
Minimal RiskKeine speziellen PflichtenSpam-Filter, Empfehlungen, Übersetzung

Klasse 1: Verbotene KI-Praktiken

Seit dem 2. Februar 2025 sind diese KI-Anwendungen in der EU verboten:

  • Social Scoring: Bewertung von Personen basierend auf Sozialverhalten oder persönlichen Eigenschaften, wenn dies zu ungerechtfertigter Benachteiligung führt
  • Unterschwellige Manipulation: KI-Systeme, die menschliches Verhalten unbewusst beeinflussen und dabei Schaden verursachen können
  • Ausnutzen von Schwächen: KI, die gezielt Alter, Behinderung oder soziale Lage ausnutzt
  • Biometrische Echtzeit-Fernidentifizierung im öffentlichen Raum (mit engen Ausnahmen für Strafverfolgung)
  • Emotionserkennung am Arbeitsplatz und in Bildungseinrichtungen (Ausnahme: medizinische oder sicherheitsrelevante Gründe)
  • Biometrische Kategorisierung nach sensiblen Merkmalen (Ethnie, politische Einstellung, sexuelle Orientierung)

Praxis-Check: Bin ich betroffen?

Die meisten Unternehmen setzen keine verbotenen KI-Systeme ein. Aber Vorsicht bei:

  • Mitarbeiterüberwachung: KI-gestützte Stimmungsanalyse in Video-Calls → verboten (Emotionserkennung am Arbeitsplatz)
  • Kundenbewertung: Wenn Ihr CRM Kunden automatisch nach “Zuverlässigkeit” scored und das zu unterschiedlicher Behandlung führt → Grauzone, prüfen lassen
  • Personalisierte Werbung: Recommendation Engines sind erlaubt, manipulative Dark Patterns mit KI-Unterstützung nicht

Klasse 2: Hochrisiko-KI

Die umfangreichsten Pflichten treffen Hochrisiko-Systeme. Ein KI-System ist Hochrisiko, wenn es in einem der 8 Bereiche des Annex III eingesetzt wird:

  1. Biometrie – Gesichtserkennung, Emotionserkennung (soweit nicht verboten)
  2. Kritische Infrastruktur – Energie, Wasser, Verkehr, Telekommunikation
  3. Bildung – Prüfungsbewertung, Zulassungsentscheidungen
  4. Beschäftigung – Bewerberauswahl, Leistungsbewertung, Kündigungsentscheidungen
  5. Öffentliche Dienstleistungen – Sozialleistungen, Kreditwürdigkeit
  6. Strafverfolgung – Risikobewertung, Profiling
  7. Migration – Asylverfahren, Grenzkontrolle
  8. Justiz – Rechtsanwendung, Rechtsprechung

Was bedeutet das konkret?

PflichtWas Sie tun müssen
RisikomanagementsystemRisiken identifizieren, bewerten, minimieren – dokumentiert
Daten-GovernanceTrainingsdaten müssen repräsentativ, fehlerfrei und relevant sein
Technische DokumentationSystemarchitektur, Trainingsmethoden, Leistungsmetriken
AufzeichnungspflichtenAutomatische Logging-Funktion
TransparenzGebrauchsanweisung für Betreiber
Menschliche AufsichtMensch muss KI-Entscheidungen überprüfen und übersteuern können
Genauigkeit und RobustheitSystem muss zuverlässig und gegen Manipulation geschützt sein

Häufige Hochrisiko-Fälle in KMUs

  • Recruiting-Software mit KI-gestütztem Bewerber-Screening → Hochrisiko (Annex III, Punkt 4)
  • Bonitätsprüfung von Kunden → Hochrisiko (Annex III, Punkt 5)
  • KI in der Qualitätskontrolle kritischer Infrastruktur → Hochrisiko (Annex III, Punkt 2)

Die Ausnahme: Art. 6 Abs. 3

Nicht jedes System in einem Annex-III-Bereich ist automatisch Hochrisiko. Ausgenommen sind Systeme, die:

  • Nur eine enge Verfahrensaufgabe erfüllen (z.B. Dokumente sortieren)
  • Ein Ergebnis verbessern, das ein Mensch bereits erstellt hat
  • Nur vorbereitende Schritte ausführen, ohne die Entscheidung zu beeinflussen

Beispiel: Eine KI, die in einer HR-Abteilung Lebensläufe nach Format sortiert (nicht bewertet), wäre wahrscheinlich nicht Hochrisiko. Eine KI, die Bewerber nach Eignung rankt, schon.

Klasse 3: Limited Risk (Transparenzpflichten)

Die meisten KMUs landen hier. Limited Risk betrifft KI-Systeme, die mit Menschen interagieren oder Inhalte erzeugen:

Chatbots und virtuelle Assistenten

  • Pflicht: User muss wissen, dass er mit einer KI spricht
  • Umsetzung: Klarer Hinweis wie „Dieser Chat wird von einer KI beantwortet”

KI-generierte Texte, Bilder, Audio, Video

  • Pflicht: Inhalte müssen als KI-generiert erkennbar sein
  • Umsetzung Bilder/Video: Maschinenlesbare Markierung (C2PA-Standard)
  • Umsetzung Texte: Kennzeichnung bei Veröffentlichung
  • Ausnahme: Kreative oder satirische Inhalte mit offensichtlichem KI-Bezug

Deepfakes

  • Pflicht: Immer kennzeichnen, dass der Inhalt KI-generiert oder -manipuliert ist

Emotionserkennung (wo erlaubt)

  • Pflicht: Betroffene informieren, dass Emotionserkennung stattfindet

Was das für Ihren Alltag bedeutet

Wenn Sie ChatGPT für Newsletter nutzen, Midjourney für Social-Media-Bilder oder einen Chatbot auf Ihrer Website betreiben → Limited Risk. Die Pflichten sind überschaubar: Kennzeichnen und informieren.

Klasse 4: Minimal Risk

Alles, was nicht in die oberen drei Klassen fällt. Der AI Act stellt hier keine speziellen Anforderungen (Art. 4 KI-Kompetenz gilt trotzdem).

Typische Minimal-Risk-Systeme

  • Spam-Filter in E-Mail-Programmen
  • Autokorrektur und Rechtschreibprüfung
  • Empfehlungsalgorithmen (Netflix, Amazon, Spotify – sofern nicht manipulativ)
  • Übersetzungstools (DeepL, Google Translate)
  • Suchmaschinen-Ranking
  • Predictive Maintenance in der Produktion (sofern nicht sicherheitskritisch)
  • Lagerverwaltung mit KI-Prognosen

Die Grauzone: Warum das gleiche Tool unterschiedlich klassifiziert werden kann

ChatGPT ist ein gutes Beispiel:

EinsatzRisikoklasseWarum?
Intern für E-Mail-EntwürfeMinimalKeine Interaktion mit Dritten
Auf der Website als ChatbotLimitedUser-Interaktion → Transparenzpflicht
Für Bewerber-ScreeningHochrisikoAnnex III, Beschäftigung
Für Social Scoring von KundenVerbotenArt. 5

Dasselbe Tool – vier verschiedene Klassen. Entscheidend ist der Einsatzzweck, nicht das Tool selbst.

So finden Sie Ihre Risikoklasse

  1. KI-Inventar erstellen: Welche KI-Systeme nutzen Sie?
  2. Einsatzzweck dokumentieren: Wofür genau wird jedes System eingesetzt?
  3. Gegen Annex III + Art. 5 prüfen: Fällt der Einsatz in einen der definierten Bereiche?
  4. Art. 6 Abs. 3 Ausnahme prüfen: Nur enge Verfahrensaufgabe?
  5. Transparenzpflicht prüfen: Interaktion mit Menschen oder Inhaltserzeugung?

Im Zweifel: höher klassifizieren. Lieber eine Transparenzpflicht zu viel erfüllt als eine Hochrisiko-Pflicht übersehen.

Fazit

Die Risikoklassifizierung ist das Fundament Ihrer AI-Act-Compliance. Die gute Nachricht: Die meisten KMUs landen bei Limited Risk (Transparenzpflichten) oder Minimal Risk (keine speziellen Pflichten). Hochrisiko betrifft nur spezifische Anwendungsbereiche.

Aber Sie müssen es wissen – nicht vermuten.

Kostenloser Risiko-Check in 5 Minuten – unser KI-Kompass klassifiziert Ihre KI-Systeme automatisch nach den vier Risikoklassen.

Ist Ihr KI-Einsatz konform?

Kostenloser Risiko-Check in 5 Minuten – ohne Registrierung.

Jetzt prüfen