KI-Kompetenz nach AI Act – Was Unternehmen wissen müssen
Art. 4 AI Act: KI-Kompetenz ist seit dem Digital Omnibus (Mai 2026) eine Empfehlung statt Pflicht. Warum Schulungen trotzdem sinnvoll sind und wie Sie sie pragmatisch umsetzen.
Update Mai 2026 – Digital Omnibus on AI: Durch den Digital Omnibus wurde Art. 4 (KI-Kompetenz) von einer durchsetzbaren Pflicht zu einer Empfehlung herabgestuft. Bußgelder für fehlende KI-Kompetenz entfallen. Wir empfehlen trotzdem, Schulungen durchzuführen – sie bleiben Best Practice und sind bei der Hochrisiko-Compliance (ab Dezember 2027) relevant.
Art. 4 des AI Acts regelt die KI-Kompetenz in Unternehmen. Ursprünglich als durchsetzbare Pflicht seit Februar 2025 in Kraft, wurde Art. 4 durch den Digital Omnibus (Mai 2026) zur Empfehlung herabgestuft. Das bedeutet: Keine Bußgelder bei fehlender Schulung – aber gute Gründe, es trotzdem zu tun.
Was steht in Art. 4?
Der Wortlaut ist kurz und klar:
„Anbieter und Betreiber von KI-Systemen ergreifen Maßnahmen, um nach besten Kräften sicherzustellen, dass ihr Personal und andere Personen, die in ihrem Auftrag mit dem Betrieb und der Nutzung von KI-Systemen befasst sind, über ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz verfügen.“
Drei Dinge fallen auf:
- „Anbieter und Betreiber“ – also jeder, der KI entwickelt ODER einsetzt
- „nach besten Kräften“ – keine Perfektion gefordert, aber nachweisbare Bemühung
- „ausreichendes Maß“ – abhängig von Kontext, Rolle und Risiko
Wen betrifft das?
Jeden, der beruflich mit KI-Systemen arbeitet. Das sind nicht nur Entwickler, sondern typischerweise:
- Marketing-Teams, die ChatGPT oder Midjourney nutzen
- HR-Abteilungen, die KI-gestützte Bewerbungstools einsetzen
- Kundenservice, der Chatbots betreut
- Geschäftsführung, die KI-Strategien verantwortet
- Einkauf/IT, die KI-Tools beschaffen und freigeben
Die Empfehlung gilt unabhängig von der Risikoklasse des KI-Systems. Auch wer nur ChatGPT für E-Mails nutzt, sollte verstehen, was er tut.
Was bedeutet „ausreichende KI-Kompetenz“?
Art. 4 nennt vier Faktoren, die das Maß bestimmen:
| Faktor | Beispiel |
|---|---|
| Technische Kenntnisse | Grundverständnis: Was kann KI, was nicht? |
| Erfahrung und Ausbildung | IT-Leiter braucht mehr als Sachbearbeiter |
| Einsatzkontext | Medizin-KI erfordert mehr als Marketing-KI |
| Betroffene Personen | KI mit Kundenkontakt → höhere Anforderung |
Konkret heißt das: Ein Mitarbeiter, der KI-generierte Texte für Social Media erstellt, muss wissen:
- Dass die Inhalte KI-generiert sind und ggf. gekennzeichnet werden müssen
- Dass KI-Outputs Fehler enthalten können (Halluzinationen)
- Dass er verantwortlich für die Prüfung bleibt
- Welche Daten er in KI-Tools eingeben darf und welche nicht
Was zählt als Schulung?
Der AI Act schreibt kein bestimmtes Format vor. Was zählt, ist die nachweisbare Bemühung. Praxistaugliche Optionen:
Für kleine Teams (1-20 Mitarbeiter)
- Internes KI-Briefing (60-90 Minuten): Was nutzen wir, was dürfen wir, was nicht?
- Schriftliche KI-Richtlinie: 2-3 Seiten, die jeder Mitarbeiter unterschreibt
- Kurze Videos/Webinare: Es gibt inzwischen gute deutschsprachige Angebote
Für mittlere Unternehmen (20-250 Mitarbeiter)
- Rollenbasierte Schulungen: Unterschiedliche Tiefe je nach Funktion
- E-Learning-Module: Einmal erstellen, beliebig wiederholen
- KI-Beauftragter: Eine Person, die KI-Fragen bündelt
Für alle: Dokumentation
Egal welches Format – dokumentieren Sie:
- Wer wurde wann geschult
- Welche Inhalte wurden vermittelt
- Welche KI-Systeme waren Gegenstand
Diese Dokumentation ist Ihr Nachweis bei einer Prüfung.
Warum Sie trotzdem schulen sollten
Durch den Digital Omnibus gibt es keine Bußgelder mehr für fehlende KI-Kompetenz nach Art. 4. Trotzdem gibt es gute Gründe für Schulungen:
- Hochrisiko-Compliance: Ab Dezember 2027 müssen Betreiber von Hochrisiko-KI geschultes Personal für die menschliche Aufsicht vorweisen. Wer jetzt schult, ist vorbereitet
- Haftungsrisiken minimieren: Nachweisbare KI-Schulungen reduzieren die Haftung bei KI-bedingten Schäden
- Wettbewerbsvorteil: Kunden und Geschäftspartner schätzen nachweisbare KI-Kompetenz
- Fehler vermeiden: Geschulte Mitarbeiter erkennen KI-Halluzinationen, Datenschutzrisiken und Bias
- Transparenzpflichten: Ab August 2026 müssen KI-generierte Inhalte gekennzeichnet werden – dafür brauchen Mitarbeiter Grundwissen
5 Schritte zur Umsetzung
Schritt 1: KI-Inventar erstellen Listen Sie alle KI-Tools auf, die in Ihrem Unternehmen im Einsatz sind. Ohne diese Liste wissen Sie nicht, wer geschult werden muss.
Schritt 2: Rollen identifizieren Welche Mitarbeiter nutzen welche KI-Systeme? Gruppieren Sie nach Intensität und Risiko.
Schritt 3: Schulungsformat wählen Für die meisten KMUs reicht ein internes Briefing + schriftliche Richtlinie. Kein Universitätskurs nötig.
Schritt 4: Durchführen und dokumentieren Schulung halten, Teilnahme protokollieren, Richtlinie unterschreiben lassen.
Schritt 5: Jährlich wiederholen Neue Tools, neue Mitarbeiter, neue Risiken – einmal im Jahr auffrischen.
Der Umfang der Schulung hängt daran, welche Systeme im Haus laufen und wie kritisch sie sind. Wer das vorab klärt, schult gezielter, statt allen dasselbe zu erzählen. Der KI-Kompass liefert diese Grundlage.
Häufige Fehler
- „Wir nutzen ja nur ChatGPT“ – Auch ChatGPT ist ein KI-System im Sinne des AI Acts. Ab August 2026 gelten Transparenzpflichten
- „Seit dem Digital Omnibus brauchen wir gar nichts mehr zu tun“ – Falsch. Art. 4 ist zwar keine bußgeldbewehrte Pflicht mehr, aber KI-Schulung bleibt Best Practice und bei Hochrisiko-Compliance (ab Dez. 2027) relevant
- „Das betrifft nur die IT-Abteilung“ – Nein, alle Mitarbeiter die KI nutzen
- „Eine E-Mail reicht als Schulung“ – Besser als nichts, aber kaum nachweisbar. Ein kurzes Protokoll mit Unterschrift ist deutlich sicherer
Fazit
KI-Schulung ist seit dem Digital Omnibus keine bußgeldbewehrte Pflicht mehr – aber sie bleibt die am einfachsten umzusetzende Maßnahme für verantwortungsvollen KI-Einsatz. Ein halber Tag Aufwand für ein KI-Briefing plus Richtlinie schafft Klarheit im Team und bereitet Sie auf die Hochrisiko-Compliance ab Dezember 2027 vor.
Vom Lesen zum Nachweis
Der KI-Kompass führt Sie durch Inventar, Risikoklasse und Dokumentation. Der erste Check ist kostenlos und braucht keine Registrierung.